Projektverlauf

Mrz 2nd, 2010 | By Vifiadmin | Kategorie: Ablauf

Im Oktober 2009 fand ein siebentätige Intensivsschulung am Bin Thuan Medival College statt. In diesem Rahmen wurden die zukünftigen Kursleiter fortgebildet.

Insgesamt haben 24 Ärzte, Pfleger und Pflegerinnen und Lehrer/innen der Fachhochschule an der Schulung teilgenommen.

Jeder Schulungstag hatte einen anderen Themenschwerpunkt. Alle Seminartage begannen mit der Planung Organisatorischem, der Vorstellung des Tagesprogrammes. Gearbeitet wurde in Kleingruppen, in denen mit Hilfe von Rollenspielen und Diskussionsrunden die Themen bearbeitet worden sind. Jeder Tagesabschluss endetet mit einer Tagesreflexion.

Die gesamte Schulung wurde simultan übersetzt.

Erster Tag

Theorie:

  • Wünsche und Erwartungen klären
  • Wissensstand klären
  • Interview: Was ist ambulante Pflege.

In einem kurzen Gespräch zwischen der Moderatorin und der Expertin für Pflege, Frau Lieberoth-Leden konnte ein erster Einblick in die Aufgaben- und Tätigkeitsfelder einer deutschen Fachpflegekraft gegeben werden.

Pflegethemen:

  • Lagerung der Patienten, Mobilität
  • Dekubitus- Kontrakturen- und Thromboseprophylaxe etc.
  • Rückenschonendes Arbeiten

Tagesabschluss:

Reflexionstransfer in Kleingruppen

Nach der Klärung offener Fragen geklärt und Aufnahme von Anregungen bzw. Kritikpunkte, wurde in Kleingruppen über das neu Erfahrene und das ihnen Altbekannte diskutiert und später in der großen Gruppe präsentiert.

In einem Rollenspiel sollten die Position des Patienten, der Pflegerin und des Angehörigen übernommen werden, um sich so dem Thema zu nähern und Vorteil, aber auch Konflikte und Probleme aufzudecken.

In vielen Punkten der Diskussion und Präsentation überschnitten sich die 5 Kleingruppen.

  • Fehlen an Balance zwischen Theorie und Praxis in der Ausbildung. Zudem ändern sich die Lehrpläne zu häufig., so dass es schwierig ist, Standards einzuführen oder einheitlichen Qualitätsmerkmalen zu folgen
  • Mangel an Material, auch zum Trainieren der Auszubildenden
  • Mangel an Ausbildungsplätzen
  • Überbelegung der Krankenhäuser
  • Die Profession der Altenpflege gibt es nicht in Vietnam. Kenntnisse über Altenpflege basieren nur auf persönlichen Erfahrungen oder Kontakten.

Einig waren sich alle Teilnehmer, dass zu einer guten Alten- und Krankenpflege nicht nur die Behandlung der Symptome, sondern auch ein soziales Kümmern gehöre.

Pflege sei in Vietnam ein angesehener Beruf, jedoch würde Altenpflege als Dienstleistung eher von einer wohlhabenderen Schicht in Anspruch genommen.

Zweiter Tag

Theorie:
Bedeutung der ambulanten Pflege im gesellschaftlichen Wandel

Pflegethemen:

  • Theorie zur Praxis
  • Hygiene und hygienische Prophylaxe etc.
  • Ankleiden

Tagesabschluss:
Für den Transfer wurde zu erst in Kleingruppen und dann in einer offenen Runde in der großen Gruppe diskutiert. Zentrale Frage war die gesellschaftliche Struktur Vietnams im Bezug auf pflegerische Themen. Dabei stellte sich heraus, dass die Nachfrage nach Pflegepersonal sehr hoch ist (2007 kamen 26 Pfleger auf 10.000 Menschen), dass jedoch die Aufnahmeprüfung sehr schwierig sei und es viele private Schulen gäbe. Auf 7-8000 Bewerber kommen 100 Ausbildungsplätze.

Die Teilnehmer machten deutlich, dass auch in Vietnam sich ein gesellschaftlicher Wandel vollzieht. Nicht so sehr in der Altersstruktur, sondern vielmehr in der Familien- und Traditionsstruktur. Der Wunsch vieler Menschen, zuhause gepflegt zu werden, könne in den meisten Fällen, sowie früher üblichen, nicht mehr durch die eigenen Angehörigen erfüllt werden. Der gesellschaftliche Wandel erfordere demnach eine Professionalisierung gerade im Bereich der Altenpflege. Auf der anderen Seite wurde darauf hingewiesen, dass aufgrund der traditionellen Familienstruktur auch die Gefahr bestünde, den Eindruck zu erwecken, man kümmere sich nicht um die Älteren und würde seiner Rolle als fürsorgliches, dankbares Kind den Eltern gegenüber nicht gerecht. Daher müsse ambulante Altenpflege in Vietnam als Wertschätzung und Erhöhung der Lebensqualität erkannt und bekannt gemacht werden.

Ein besonders anregender Vorschlag kam von einer Teilnehmerin (Ärztin in einem städtischen Krankenhaus in Hue). Sie merkte an, dass das offizielle Rentenalter in Vietnam bei 55 läge und somit hier Ressourcen freilägen, die genutzt werden könnten. Man könne pensionierte Menschen bzw. Pflegerinnen durch eine Zusatzausbildung z.B. zur Pflegehilfe im Bereich der ambulanten Alten- und Krankenpflege schulen. Eine nähere Auseinandersetzung mit einem solchen Modell scheint auch den Seminarleitern als durchaus lohnenswert, da zum einen für die wirtschaftliche Absicherung im Rentenalter und zum anderen für eine Etablierung ambulanter Pflege gesorgt werden könnte.

Dritter Tag
Theorie:

Die Rolle der ambulanten Pflegekraft und die Beziehungsgestaltung im häuslichen Umfeld

Pflegethemen:

  • Theorie zur Praxis
  • Intimhygiene
  • Obstipationsprophylaxe etc.

Tagesabschluss:
In der Diskussion stellte sich heraus, dass die Pflege sich im Wesentlichen auf die Behandlungspflege beschränkt. Die Grundpflege muss von den Angehörigen übernommen werden. Behandlungskosten trägt der Patient, Medikamente und Techniken werden von der Krankenkasse getragen.

Die Organisation der Behandlung und Pflege (im stationären Bereich) wird vom leitenden Arzt organisiert. Die Organisation folgt keinen grundlegenden Standards oder Regelungen.

Insgesamt bewerten die Teilnehmer die Methoden. Praktiken und das System, welches sie in den letzten drei Tagen kennengelernt haben, als hilfreich und als ein gutes Modell für eine Etablierung ambulanter Pflege in Vietnam. Sie sehen in der ambulanten Pflege ein gutes System zur Entlastung der stationären Pflege.

Vierter Tag:
Theorie:

Anforderungsprofil und Ausbildung

Pflegethemen:

  • Theorie zur Praxis
  • Ernährung, Nahrungsaufnahme und künstliche Ernährung etc.

Tagesabschluss:
Rollenspiel Talkshow. In diesem Rollenspiel übernahmen die Teilnehmer die Rolle der Pflegerin, eines Pflegebedürftigen mit unterschiedlichen Diagnosen (Diabetes, Demenz, Fraktur) und eines Angehörigen. In der fiktiven Situation einer Talkshow zum Thema ambulante Pflege sollten sie mit einander diskutieren. Von einem weiteren Teilnehmer wurde die Rolle des Moderators und Diskussionsleiter übernommen. Ziel war es, dass das in den letzten Tag theoretisch und praktisch Erarbeitete noch einmal vertieft wird, mögliche Fragen, die noch offen geblieben sind, präsent werden und die Teilnehmer sich in die verschiedenen Beteiligten des Pflegesystems einfühlen können.

Trotz unterschiedlicher Konstellation in den Kleingruppen (jede Gruppe hatte eine unterschiedliche Pflegebedürftige Person) überschnitten sich die Fragen und Themen in den Rollenspielen der Gruppen.

  • Ältere Personen fühlen sich sehr einsam und wollen lieber zuhause gepflegt werden
  • Die Angehörigen haben aus wirtschaftlichen Gründen nicht die Zeit, um ihre Angehörigen zu pflegen-wollen sie aber auch nicht einfach in ein Heim geben
  • Alle Teilnehmer sehen ein großes Problem in der Finanzierung der ambulanten Pflege in Vietnam
  • Besonders auf kommunaler Ebene muss eine Lösung zur Altenpflege gefunden werden
  • Besonders betont wurde von den Teilnehmer, dass in der Altenpflege der soziale Kontakt eine wichtige Rolle spielt

Obwohl die Diskussion zumeist zwischen der pflegenden Person und dem Angehörigen geführt wurde, konnten die Teilnehmer erkennen wie wichtig es ist, den Pflegebedürftigen als kompetenten Partner in die Entscheidung mit einzubeziehen. In der Regel resultiert die Entscheidung bezogen auf Pflege und Behandlung allein aus der Kommunikation zwischen Arzt und Angehörigen. Das Rollenspiel konnte verdeutlichen wieso und dass ein Einbezug des Patienten von Wichtigkeit ist und hierdurch Konflikte und Missverständnisse von Vorneherein geklärt werden können.

Zudem wurde darauf hingewiesen, dass ein Ausbildungszeig an den Hochschulen geschaffen werden müsse, welcher sich speziell mit den Themen und Bereichen der Altenpflege auseinandersetzt.

Fünfter Tag
Theorie:

Ambulante Pflege als professionelle Dienstleistung. Qualitätssicherung.

Pflegethemen:

  • Theorie zur Praxis
  • Organisation, Kommunikation, Planung und rechtliche Grundlagen etc.

Tagesabschluss:
In dieser Diskussionsrunde sollten die Teilnehmer sich Gedanken über ein passendes Pflegesystem in Vietnam machen.

  • Eine Kombination aus Haushaltshilfe und Grundpflege
  • Es sollte eine Pflegeversicherung eingeführt werden, damit (Alten)-Pflege als Profession etabliert werden kann
  • Es muss eine Bedarfsanalyse durchgeführt werden
  • Pflege hat Zukunft-Entlastung der Angehörigen und damit Entlastung der gesamten Gesellschaft
  • Es muss ein Netzwerk zwischen Kommunen, Gesundheitsamt, Sozialversicherung, Steuerbehörde, Sozialamt, den Krankenhäusern und den traditionellen medizinischen Einrichtungen geschaffen werden
  • Alten- bzw. Grundpflege und Prophylaxe müssen in den Ausbildungsplan aufgenommen werden und theoretisch sowie praktisch gelehrt werden
  • Als Dienstleistung könnte ambulante Pflege stundenweise je nach Pflegebedarf abgerechnet werden
  • Als Dienstleistung müsste PR und Werbung für diese gemacht werden. Zudem müsste es in den Kommunen Ansprechpartner geben.
  • Zudem erkennen die Teilnehmer, dass man gesamtgesellschaftlich Aufmerksamkeit auf diesen Bereich lenken sollte und sich gezielt, den betroffenen Gruppen zuwenden sollte.
  • Für Vietnam würde sich auch eine Kombination aus Kurzeitpflege und Tagespflege anbieten. Die Teilnehmer sehen hierin der Vorteil, dass Angehörige in den Pflegeprozess mit eingebunden sind und dennoch erwerbstätig sein können
  • Zudem wurde ein weiteres Mal die Ausbildung von Pensionierten zur Pflegehilfe als Modell diskutiert

Sechster Tag
Theorie:

Strukturelle Einbindung und Organisation der häuslichen Pflege, u.a. Pflegeversicherung

Pflegethemen:

  • Theorie zur Praxis
  • Zusammenarbeit mit Angehörigen, dem Krankenhaus, freiwilligen Helfern
  • Geeignetes Material, Beschaffenheit der Wohnung etc.

Tagesabschluss:
In einem Rollenspiel sollte die Überleitungssituation eines pflegebedürftigen Patienten aus dem Krankenhaus in die häusliche Pflege diskutiert werden. Dabei teilte sich die Gruppe in drei Kleigruppen, denen jeweils eine andere Diagnose des Patienten vorgegeben wurde.

In diesem Rollenspiel wurde noch einmal bestimmte Konfliktfelder näher beleuchtet und die Wichtigkeit des Einbezugs des Betroffenen verstärkt. Nicht nur Konflikte in der Finanzierung, sondern auch mögliche Rollenkonflikte seitens der Pflegerin und des Angehörigen, sowie Konflikte zwischen Patient und Angehörigem kamen hier noch einmal zur Sprache. Die Zusammenarbeit und Aufklärung der Angehörigen verdeutlichte sich ein weiteres Mal für die Teilnehmer.

Das Rollenspiel verdeutlichte außerdem die Wichtigkeit von Organisation, Struktur und Planung in der Pflegepraxis. Daneben wurde ein Einblick in das Kooperationsnetzwerk und die jeweiligen Beteiligten gewährt.

Zudem konnte das praktisch Geübte (z.B. im Bezug auf Dekubistusbehandlung und –prophylaxe, Diabetes bzw. Ernährung etc.) in Theorie zur Anwendung gebracht und vertieft werden.

Siebter Tag
Theorie:

Was war insgesamt wichtig und was bedeutet das für das System Pflege in Vietnam? Was kann aus dem Gelernten nutzbar gemacht werden für die Ausbildung in Vietnam?

Pflegeversicherung

Pflegethemen:

  • Theorie zur Praxis
  • Arbeit an einem Fallbeispiel (Pflegeplan, Krankenbeobachtung, Vermeidung ritualisierte Pflegemaßnahmen)
  • Reflexion pflegerischen Handelns
  • Traditionelle Heilmittel und deren sinnvoller Einsatz etc.

Tagesabschluss:

Wochenrückblick

  • Es besteht ein hoher Bedarf an ambulanter bzw. überhaupt an Pflege und Pflegepersonal
  • Schon aufgrund der vietnamesischen Tradition ist Altenpflege von großer Bedeutung
  • Es mangelt an der Zusammenarbeit zwischen Arzt und Patient. Hier müsste sich die Kommunikation ändern. Der Patient sollte als kompetent wahrgenommen werden. Zudem sollten die Angehörigen und Patienten geschult werden.
  • In der Gesellschaft sollte die Aufmerksamkeit auf den Bereich der Altenpflege gelenkt werden
  • Es müssen Kooperationsnetzwerke geschaffen werden

Was wurde geschafft:

  • Einführung in das deutsche Pflegesystem bzw. in die ambulante Pflege
  • Praxisbeispiele aus der Grundpflege und Prophylaxe
  • Transfer zum vietnamesischen System/ Austausch
  • Reflexion über die Schwierigkeiten aber auch Ressourcen, die eine Etablierung eines solchen Systems in Vietnam bestehen würden

Welche Aufgaben kommen noch auf uns zu?:

  • Finanzierung, Versicherung
  • Bedarfsanalyse
  • Lehrplanerstellung
  • Wie soll das Berufsbild konkret aussehen? Welche Bereich sollen dazugehören und welche nicht?
  • Wie sollen die Angehörigen miteinbezogen werden (Tagespflege, Kurzzeitpflege, Kurse für Angehörige)
  • Wie können schon bestehende Konzepte umgesetzt werden?

Welche Wünsche und Erwartungen haben Sie noch an uns?:

  • Gemeinsam mit dem deutschen Team weiter an der Realisierung eines ambulanten Pflegesystems für Vietnam weiterarbeiten
  • Weiterführen des Kontakts und der Zusammenarbeit
  • Ähnliche Seminare sollten auch in anderen Provinzen gehalten werden
  • Gewünscht wäre ein jährliches Treffen zur Begleitung des Prozesses in Vietnam
  • Hilfe bei der Ausarbeitung eines Curriculums für Altenpflege in Vietnam
  • Austausch mit Deutschland (mögliches Praktikum in einer deutschen Pflegeeinrichtung bzw. einem ambulanten Pflegedienst)
  • Bereitstellung von mehr Anschauungs- und Lehrmaterialien

Insgesamt kann festgehalten werden, dass es zwischen den Teilnehmern zu einem regen Austausch gekommen ist, wodurch schon während des Seminars neue Netzwerke und Möglichkeiten der Zusammen- und Weiterarbeit realisiert wurden.

Hinterlasse einen Kommentar